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Warum gut gemeintes Feedback oft nicht ankommt

Autorenbild: Raphael Steinhöfel
Raphael Steinhöfel
19. Sept.
3 Min. Lesezeit

„Das war doch nur konstruktive Kritik.“ Diesen Satz höre ich oft von Führungskräften, kurz nachdem ihr Feedback beim Gegenüber ganz anders angekommen ist als gemeint. Das Missverständnis liegt selten am Inhalt. Es liegt daran, wie Feedback aufgenommen wird, sobald jemand sich angegriffen fühlt.

Sobald das passiert, schaltet das Gehirn auf Verteidigung. Ab diesem Moment hört die Person nicht mehr zu, sie rechtfertigt sich innerlich schon. Wer das nicht weiss, wiederholt sein Feedback lauter oder deutlicher und verstärkt damit genau die Abwehr, die er eigentlich auflösen wollte.


Was das SCARF-Modell über soziale Bedrohung zeigt

Der Neurowissenschaftler David Rock hat dieses Muster in seinem SCARF-Modell zusammengefasst und dabei auf Forschung von Sozialneurowissenschaftlern wie Naomi Eisenberger und Matthew Lieberman aufgebaut. Deren Arbeiten zeigen mit bildgebenden Verfahren, dass sozialer Ausschluss dieselben Hirnregionen aktiviert wie körperlicher Schmerz, etwa den dorsalen anterioren cingulären Cortex. Bedrohungen sind für das Gehirn also keine Metapher, sondern eine reale Gefahr, verarbeitet mit derselben Alarmschaltung wie eine physische Gefahrensituation.

Rock überträgt das auf fünf soziale Bedürfnisse: Status, Sicherheit (Certainty), Autonomie, Zugehörigkeit (Relatedness) und Fairness. Kritisiertes Feedback greift fast immer eines dieser fünf Bedürfnisse an, meistens Status oder Zugehörigkeit, und löst deshalb dieselbe Alarmreaktion aus wie eine echte Bedrohung.

Wie konkret das ist, zeigen zwei Beispiele aus dieser Forschung: Im sogenannten Ultimatumspiel lehnen Versuchspersonen ein unfaires Geldangebot lieber ganz ab, als eine kleine, aber ungerecht verteilte Summe zu akzeptieren, obwohl sie dabei objektiv verlieren, weil wahrgenommene Unfairness dieselbe Hirnregion aktiviert, die auch auf Ekel reagiert. Bei Unsicherheit (Certainty) zeigt sich ein ähnliches Muster: Das Gehirn reagiert auf einen unklar bevorstehenden Ausgang oft stärker mit Alarm als auf ein sicher schlechtes Ergebnis, weil Nichtwissen selbst als Bedrohung verarbeitet wird. Genau das erklärt, warum vage angekündigte Veränderungen im Unternehmen oft mehr Unruhe auslösen als eine klar kommunizierte, auch unangenehme Entscheidung.

Auch für Autonomie und Zugehörigkeit gibt es unabhängige Forschung, die zu ähnlichen Schlüssen kommt. Die Psychologinnen Lisa Leotti, Sheena Iyengar und Kevin Ochsner werteten 2010 zahlreiche Verhaltens- und Bildgebungsstudien aus und zeigten, dass bereits das blosse Vorhandensein einer Wahlmöglichkeit die Belohnungssysteme im Gehirn aktiviert, unabhängig davon, ob die gewählte Option das Ergebnis überhaupt verändert. Menschen, denen man eine Wahl lässt, und sei sie noch so unbedeutend, empfinden dieselbe Situation als weniger bedrohlich als Menschen, die dieselbe Massnahme ohne jede Wahlmöglichkeit vorgesetzt bekommen.

Für Zugehörigkeit liefert ein Experiment von James Coan, Hillary Schaefer und Richard Davidson aus dem Jahr 2006 einen besonders anschaulichen Beleg. Verheiratete Frauen absolvierten unter der Androhung leichter Elektroschocks einen Hirnscan, während sie entweder die Hand ihres Ehemanns, die Hand einer fremden Person oder gar keine Hand hielten. Das Halten der vertrauten Hand dämpfte die Bedrohungsreaktion im Gehirn am stärksten, und dieser Effekt fiel umso deutlicher aus, je glücklicher die Ehe nach eigener Einschätzung war. Vertraute, verlässliche Beziehungen wirken demnach wie ein neuronaler Puffer gegen Stress, was erklärt, warum dasselbe kritische Feedback von einer Vertrauensperson ganz anders ankommt als von jemandem, zu dem noch keine Beziehung besteht.


Wie Feedback tatsächlich ankommt

Der Unterschied liegt oft in Details, die wenig mit rhetorischem Geschick zu tun haben: der richtige Zeitpunkt, eine klare Trennung zwischen Beobachtung und Bewertung, und die Bereitschaft, dem Gegenüber auch bei unangenehmen Themen echtes Interesse statt Belehrung entgegenzubringen. Eine Führungskraft, mit der ich gearbeitet habe, hat ihre Feedbackgespräche allein dadurch verbessert, dass sie zu Beginn eine einzige Frage stellte: „Wie siehst du das selbst?“ Diese Frage stärkt Autonomie und Status des Gegenübers, statt sie zu bedrohen.

Das gilt in beide Richtungen. Auch Feedback anzunehmen, ohne sofort in Erklärungsnot zu geraten, ist eine Fähigkeit, die trainierbar ist, keine Charaktereigenschaft.

Für die Gesprächsführung heisst das in der Praxis: Wer ein schwieriges Feedback ankündigt, aber den eigentlichen Termin dafür offen lässt, erzeugt allein durch diese Unsicherheit schon eine Bedrohungsreaktion, oft schon bevor das Gespräch überhaupt stattgefunden hat. Ein früh kommunizierter, fixer Termin nimmt einen Teil dieser Anspannung vorweg, unabhängig vom Inhalt des Gesprächs selbst.

Führungskräfte, Teamleitende und Projektleitende, die merken, dass ihre Botschaften nicht ankommen oder Feedback in ihrem Team zu kurz kommt, finden im Kurs Kommunikation & Feedback das Handwerkszeug dafür.



Literaturverzeichnis

Rock, D. (2008). SCARF: A brain-based model for collaborating with and influencing others. NeuroLeadership Journal, 1, 1–9.

Leotti, L. A., Iyengar, S. S., & Ochsner, K. N. (2010). Born to choose: The origins and value of the need for control. Trends in Cognitive Sciences, 14(10), 457–463.

Coan, J. A., Schaefer, H. S., & Davidson, R. J. (2006). Lending a hand: Social regulation of the neural response to threat. Psychological Science, 17(12), 1032–1039.

 
 
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